Covid-19
  • Prof. Dr. Jörg Faust
  • Dr. Martin Bruder
  • Jens Eger
  • Dr. Sebastian H. Schneider
  • Nora Sassenhagen

Im Spannungsfeld zwischen Solidarität und Eigeninteresse: Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit während der COVID-19-Pandemie in Deutschland

Internationale Kooperation ist zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie unerlässlich. Dazu gehört die Unterstützung der stärker betroffenen Länder innerhalb Europas, aber auch und vor allem der Entwicklungsländer. Unterstützt die deutsche Bevölkerung angesichts der Krise im eigenen Land und der hohen Kosten für die Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen eine solche solidarische Entwicklungszusammenarbeit (EZ)? Oder gefährden die mit der Pandemie verbundenen Sorgen die Unterstützung?

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Abbildung 1. Öffentliche Meinung zu entwicklungspolitischen Maßnahmen während der COVID-19-Pandemie

COVID-19 ist für alle Länder eine große Herausforderung. Aufgrund der unzureichenden Gesundheitssysteme, der schlechten hygienischen Bedingungen und des oft engen Zusammenlebens sind Entwicklungsländer jedoch durch die rasche Verbreitung von COVID-19 und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Gesundheit besonders gefährdet. Hinzu kommt, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie in diesen Ländern wahrscheinlich noch gravierender sein werden. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass in den Entwicklungsländern fast 100 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen werden. Außerdem arbeiten viele Menschen in den Entwicklungsländern im informellen Sektor oder sind von ihrem Tagesverdienst abhängig und daher ohnehin anfälliger für wirtschaftliche Schocks. Um den Auswirkungen der Pandemie entgegenzuwirken, unterstützt Deutschland, wie auch andere bilaterale Geber und multilaterale Organisationen, die Entwicklungsländer mit medizinischer und finanzieller Nothilfe. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat ein Corona-Soforthilfeprogramm von mehr als einer Milliarde Euro aufgelegt.

Es gibt zwei mögliche Szenarien, wie die deutsche Öffentlichkeit auf die aktuellen Maßnahmen der EZ reagieren könnte. Da die deutschen Bürgerinnen und Bürger ebenfalls von den Folgen der Pandemie betroffen sind, könnte eine nur auf die deutschen Eigeninteressen ausgerichtete Politik zu einem Rückgang der Unterstützung für die Entwicklungszusammenarbeit führen. Andererseits macht die Pandemie nicht an Ländergrenzen Halt und betrifft potenziell alle Menschen, was die internationale Solidarität fördern könnte. Deshalb haben wir untersucht, (1) ob die Bevölkerung entwicklungspolitische Maßnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie unterstützt; und (2) ob durch die Pandemie ausgelöste Sorgen und Ängste die öffentliche Unterstützung der EZ beeinträchtigen. Wir haben diese Fragestellungen anhand von Umfragedaten zur internationalen Solidarität und Entwicklungspolitik aus den COSMO-Umfragen (Covid-19 Snapshot Monitoring) untersucht, die am 21./22. April, 19./20. Mai und 10./10. Juni 2020 durchgeführt wurden.

Unterstützung entwicklungspolitischer Maßnahmen, Vorbehalte gegenüber Hilfen für Geflüchtete, Wirtschaftshilfe und Schuldenerlass

Unsere Analysen zeigen, dass die Unterstützung der Bevölkerung für eine verstärkte EZ zur Bekämpfung der Pandemie auf einem konstant hohen Niveau bleibt. In jeder der Umfragen stimmten etwa 44% der Befragten der Aussage zu, "Deutschland sollte die Entwicklungsländer mit mehr Geld und Know-how unterstützen, um ihnen zu helfen, die COVID-19-Situation und ihre Folgen zu bewältigen" (siehe Abbildung 1 links). Dies steht im Einklang mit der Tatsache, dass die deutsche Öffentlichkeit für die globalen Herausforderungen aufgrund von COVID-19 stärker sensibilisiert ist.

Etwa die Hälfte der Befragten befürwortete ein Engagement in den Bereichen Ernährungssicherheit, multilaterale Zusammenarbeit und Gesundheit (siehe Abbildung 1, rechts). Mehr Skepsis besteht bei Maßnahmen, die darauf abzielen, die Wirtschaft zu unterstützen, Geflüchtete zu schützen oder – am wenigsten erwünscht – den Entwicklungsländern Schuldenerlass zu gewähren. Die Frage bleibt offen, ob dies darauf zurückzuführen ist, dass einige Maßnahmen für praktikabler gehalten werden als andere, oder darauf, dass die Bevölkerung Maßnahmen, die mit unmittelbaren finanziellen Verpflichtungen verbunden sind, nicht befürwortet.

Wahrnehmung der Pandemie und Unterstützung der internationalen Solidarität

Abbildung 2. Wahrnehmung der Pandemie und Unterstützung von verstärkten EZ-Maßnahmen während der Pandemie

Hinweis: Ergebnisse einer gepolten Regressionsanalyse aller drei COSMO-Wellen. Nicht standardisierte Regressionskoeffizienten. Abhängige Variable: Skala 1-7; höhere Werte bedeuten mehr Unterstützung. Detaillierte Ergebnisse sind auf Anfrage bei den Autor*innen erhältlich.

Die Pandemie betrifft die Menschen auf verschiedene Weise – in gesundheitlicher, wirtschaftlicher, psychologischer und sozialer Hinsicht. Abbildung 2 zeigt vier verschiedene Möglichkeiten auf, wie die Pandemie die Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zur EZ beeinflussen könnte.

1. Gesundheitliche Sorgen: Wir beobachten, dass die Zustimmung zu verstärkten EZ-Maßnahmen umso größer ist, je größer die Sorge um die Gesundheit der Familie und Freunde oder um die eigene Gesundheit ist.

2. Wirtschaftliche Sorgen: Wirtschaftliche Aspekte haben einen ambivalenten Effekt auf die Unterstützung der EZ. Sorgen um die eigene finanzielle Situation der Befragten haben einen leicht negativen Effekt auf die Unterstützung von Hilfsmaßnahmen. Die Sorge um den möglichen Konkurs deutscher Unternehmen hat dagegen einen leicht positiven Effekt.

3. Sorge um die Entwicklungsländer: Je größer die Besorgnis oder die Wahrnehmung, dass Entwicklungsländer von der Pandemie besonders stark betroffen sind, desto mehr Zustimmung finden verstärkte Maßnahmen zur Unterstützung der Entwicklungsländer.

4. Vertrauen in die Regierung: Je mehr die Befragten der deutschen Regierung vertrauen, desto stärker unterstützen sie EZ-Maßnahmen während der Pandemie.

Konsequenzen für die Akteure der Entwicklungszusammenarbeit

Unsere Ergebnisse vermitteln den Akteuren in der Entwicklungszusammenarbeit ein ambivalentes Bild. Einerseits befürwortet die breite Öffentlichkeit in Deutschland ein stärkeres entwicklungspolitisches Engagement während der COVID-19-Pandemie. Andererseits gibt es Vorbehalte, wenn es um den Schuldenerlass für Entwicklungsländer sowie um die Unterstützung der Wirtschaft und der Geflüchtete in diesen Ländern geht.

Bislang deutet der Zusammenhang zwischen den durch die Pandemie ausgelösten Sorgen und Ängsten und der Einstellung zur EZ nicht darauf hin, dass die Pandemie die öffentliche Unterstützung für die EZ untergräbt. Die deutschen Bürger*innen scheinen keinen eindeutigen Zielkonflikt zwischen den Maßnahmen in Deutschland und der Unterstützung der Entwicklungsländer zu sehen. Andererseits gibt es, wenn man die gesundheitlichen Aspekte betrachtet, Hinweise darauf, dass die Pandemie die internationale Solidarität stärken könnte. Möglicherweise hat die Pandemie das Mitgefühl für die Gesundheitsprobleme der Menschen in den Entwicklungsländern gefördert.

Ein potenzielles Risiko besteht jedoch darin, dass das Vertrauen in die Regierung im Verlauf der Pandemie schwindet. Dies kann z.B. der Fall sein, wenn es zu einem erneuten Lockdown kommt. Wenn das Vertrauen nachlässt, könnte dies auch für die Unterstützung der EZ gelten.

Trotz aller Herausforderungen, die die COVID-19-Pandemie für die Bürger*innen mit sich bringt, kann das Mitgefühl für gefährdete, von COVID-19 betroffene Gruppen in Entwicklungsländern das Gefühl internationaler Verbundenheit fördern. Für die Akteure der EZ bedeutet dies, dass es wichtig ist, die Situation in den Entwicklungsländern weiterhin transparent zu kommunizieren und geeignete Maßnahmen zur Bewältigung der Herausforderungen vorzuschlagen. Die Kommunikation sollte das Vertrauen in diese Akteure fördern, indem sie sachliche Lösungen vorschlägt, die der jeweiligen Herausforderung gerecht werden. Einige Maßnahmen - insbesondere der Schuldenerlass - sind jedoch nicht nur in der Wissenschaft umstritten, sondern auch schwierig, sie wirksam umzusetzen. Gleichzeitig ist es auch schwieriger, sie der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog Development Compass.

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